Medicine Podcast

Episode 2: Eure Fragen zu Antibiotika

Vor knapp zwei Wochen, habe ich euch auf Facebook und Instagram gefragt, welche Aspekte zu Antibiotika euch denn interessieren. Und ich war überwältigt von eurem Engagement – vielen Dank für die zahlreichen, spannenden Fragen. In diesem Artikel findet ihr hoffentlich viele, aufschlussreiche Antworten.

1) Wirkt sich eine Antibiotika-Gabe im ersten Lebensjahr negativ auf die Immunabwehr aus?

Dafür gibt es eindeutige Hinweise. Um eine solche Fragestellung wissenschaftlich möglichst akkurat beantworten zu können, brauchen wir in der Medizin große, sogenannte randomisiert-kontrollierte Doppelblind-Studien.

Das sind Studien, bei denen weder der Versuchsleiter (der Arzt) noch der Studienteilnehmer (der Patient) Kenntnis darüber haben, in welcher Gruppe (Kontrollgruppe, Experimentalgruppe) er sich befindet. Die Ergebnisse dieser Studien haben innerhalb der medizinischen Wissenschaft mit Abstand die höchste Aussagekraft, bringen aber in manchen Fällen – so auch in diesem – ein Dilemma mit sich.

Um diese Frage nämlich beantworten zu können, müssten wir eine solche randomisiert-kontrollierte Doppelblindstudie mit einjährigen Kindern durchführen, was aus ethischen Gründen aber nicht möglich ist.
Denn einem gesunden Kind zu Studienzwecken ein Antibiotikum zu verabreichen wäre mindestens eben so unverantwortlich, wie einem an einer Infektion erkrankten Kind ein solches vorzuenthalten.

Das heißt aber nicht, dass es zu dieser Fragestellung keine Daten gibt – halt einfach keine, aus randomisiert-kontrollierten Doppelblindstudien, wie wir es uns wünschen würden, da dies den höchsten Standard darstellt. Dennoch hat eine niederländische Forschergruppe insgesamt 3839 Veröffentlichungen zu antibiotika-assoziierten Themen zwischen 1996 und 2015 durchforstet. Und daraus rund 34 Studien mit mehr als 340.000 Patienten rausgefiltert und analysiert. Das Ergebnis wurde dann in der international renommierten Fachzeitschrift “Allergy” publiziert (1).

Das Ergebnis: Kinder, die in den ersten zwei Lebensjahren ein Antibiotikum bekommen, haben eine statistisch signifikant erhöhte Wahrscheinlichkeit, später Heuschnupfen, Kontaktekzeme und Lebensmittelallergien zu entwickeln. Für Heuschnupfen stieg die Wahrscheinlichkeit um 23%, für Kontaktekzeme um 26% und für Lebensmittelallergien sogar um 42 Prozent (1).

Auch wenn diese Zahlen nicht den allerhöchsten, wissenschaftlichen Standards entsprechen so lässt sich daraus doch zumindest folgende Aussage ableiten: Die Gabe eines Antibiotikums darf niemals leichtfertig erfolgen und und muss stets unter strenger Nutzen/Risiko-Abwägung stattfinden, da die derzeitige Studienlage, einen Zusammenhang zwischen frühkindlicher Antibiotika-Gabe und dem Auftreten allergischer Erkrankungen, wenigstens nahelegt.

2) Ist es so, dass ein Antibiotikum irgendwann einmal nicht mehr wirkt, wenn man es schon über einen längeren Zeitraum einnehmen musste?

Ja, das lässt sich vereinfacht so zusammenfassen. Abhängig ist das aber vom jeweiligen Krankheitserreger und natürlich von der Art des Antibiotikums.

Vor gar nicht allzu langer Zeit ging man noch davon aus, dass Patienten einen Vorteil daraus ziehen, wenn ein Antibiotika möglichst lange verabreicht wird. Der zugrunde liegende Gedanke dabei war, dass durch eine lange Verabreichung möglichst alle krankmachenden Keime eliminiert werden sollen – auch diejenigen, die schon Resistenzen tragen.

Heute weiß man, dass sich ein Großteil der resistenten Eigenschaften von Bakterien erst während respektive durch die Einwirkung des Antibiotikums bilden. Das Risiko auf Resistenzen steigt dabei mit der Dauer der Einnahme des Antibiotikums.

Aus diesem Grund gibt es für jedes Antibiotikum respektive jede Erkrankung klare Richtlinien darüber, wie lange eine Antibiotikatherapie durchgeführt werden soll: Eine lange Behandlung birgt das Risiko der Entwicklung von Resistenzen, eine zu kurze kann für den Patienten ebenfalls gefährlich werden. Hier einen Mittelweg zu finden ist Aufgabe des Arztes – und nicht immer einfach.

Ziel einer Antibiotika-Behandlung ist es daher, die Anzahl an krankmachenden Keimen schnell genug so zu reduzieren, dass das Immunsystem mit den „Übriggebliebenen“ selbst fertig wird und sich dennoch noch keine Resistenzen gebildet haben.

3) Wie stark zerstören Antibiotika die Darmflora?

Grob geschätzt, befinden sich in einem Dickdarm eines Menschen in etwa so viele Bakterien wie Menschen auf unserem Planeten. Diese Keime leben dort (fast alle) im Einklang mit unserem Körper: Sie helfen uns bei der Verdauung von Speisen, trainieren unser Immunsystem, manche von ihnen produzieren sogar Vitamine. Diese kleine Welt an Bakterien im Darm nennt sich Mikro-Biom.

Eine Antibiotika-Therapie führt nun meist dazu, dass ein Großteil des Mikrobioms abgetötet wird. Nach Beendigung der Antibiotika-Therapie kehren die Bakterien dann schrittweise und relativ langsam wieder in ihren Lebensraum zurück.

Interessant dabei ist die Tatsache, dass die ersten Rückkehrer meist die Bakterien sind, die eher krankmachende Eigenschaften besitzen. Das ist mitunter ein Grund für die häufigen Magen-Darm-Beschwerden, die Antibiotika hervorrufen können. Nach und nach werden die potentiell krankmachenden Keime dann wieder durch gute Bakterien (z.B. Milchsäurebakterien) verdrängt bis schließlich ca. 1/2 Jahr nach der Antibiotika-Gabe, die ursprünglich Besiedelung wieder weitgehend hergestellt ist (2).

Aber eben nur weitgehend. Denn Forscher haben herausgefunden, dass 1. einzelne Arten nach der Wiederbesiedelung komplett verschwunden blieben und sich 2. die Anzahl an Resistenz-Genen innerhalb der Bakterien deutlich erhöht hatte.

Die Auswirkung von Antibiotika auf den Darm wird daher gegenwärtig intensiv untersucht. Erste Ergebnisse zeigen jedoch, dass die Folgen aus oben genannten Gründen mitunter große Tragweite haben können – vor allem, wenn Antibiotika zu häufig und falsch eingesetzt werden.

4) Sind Breitband-Antibiotika sinnvoll?

Breitband-Antibiotika sind Stoffe, die, wie der Name schon sagt, gegen eine breite Anzahl an verschiedenen Keimen wirken. Solche Substanzen kommen meist dann zum Einsatz, wenn der Arzt nicht exakt sagen kann, welcher Keim der bakteriellen Infektion zugrunde liegt respektive für weitergehende Zusatz-Untersuchungen keine Zeit bleibt (z.B. weil man mit der Therapie beginnen muss).

Prinzipiell versucht man in der Antibiotika-Therapie mit Substanzen zu arbeiten, die möglichst spezifisch genau auf das Bakterium abzielen, welches die entsprechende Erkrankung verursacht. Weiß der Arzt, z.B. nach Analyse einer entsprechenden Probe, um welchen Keim es sich bei der Erkrankung handelt, wird die Breite des Wirkstoffes nicht mehr benötigt.

Sinnvoll sind Breitband-Antibiotika allemal. Aber nur wenn deren Einsatz aufgrund der Umstände auch wirklich angezeigt ist – so trivial das auch klingen und so oft ich mich mit dieser Aussage auch wiederholen mag.

5) Sollte man erst dann zu Antibiotika greifen, wenn die Krankheit durch Selbstheilung nicht in den Griff zu bekommen ist?

Ja, im Falle der meisten Bagatell-Erkrankungen (z.B. Atemwegs-Infekte) und nur dann, wenn a.G. einer klinischen Untersuchung respektive in Zusammenschau mit entsprechenden Laborwerten vom Arzt eine Antibiotika-Therapie als unerlässlich angesehen wird.

Nein, wenn a.G. von Schwere und Art der Erkrankung, eine Antibiotika-Therapie von Beginn an dringend angezeigt ist (z.B. bei schwerer Weichteil-Infektion oder bakterieller Hirn(haut)entzündung). Beurteilung erfolgt auch hier IMMER durch den Arzt.

6) Verhindern Antibiotika, dass der Körper lernt, sich selbst zu heilen?

Mir persönlich sind keinerlei Hinweise oder Studien bekannt, die eine solche Aussage unterstützen würden.

Eher das Gegenteil ist der Fall: Richtig angewandt, können Antibiotika im Ernstfall helfen, die Keimzahl so zu reduzieren, dass das Immunsystem mit den „restlichen“ Keimen selber fertig wird (s.o.).

7) Wie aussgekräftig ist der Schnelltest für Antibiotika?

Bei manchen Infektionen, nimmt der Arzt Blut ab um ein Blutbild und den CRP-Wert zu bestimmen (ich nehme an, das ist gemeint). , nehmen wir Ärzte Blut ab um die Entzündungswerte – unter anderem den CRP-Wert – zu bestimmen.

CRP steht für C-reaktives Protein – ein sogenanntes Akut-Phase-Protein, welches von der Leber produziert wird und für unsere Abwehr extrem wichtig ist. Akut-Phase-Proteine können nämlich ganz spezifische Teile unseres Immunsystems aktivieren: im Falle des CRPs insbesondere den Teil, der eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Bakterien spielt (das sog. Komplement-System).

Wenn es nun im Körper zu einer Entzündung kommt, wird CRP vermehrt ins Blut ausgeschüttet – je nach Erkrankung entsprechend mehr oder weniger. Und je nachdem wie hoch und wie schnell CRP im Blut ansteigt, kann der Arzt wertvolle Rückschlüsse darüber gewinnen, um welche Erkrankung es sich handelt (eher viral oder eher bakteriell?) und ob eine Antibiotika-Therapie notwendig ist (weitere Infos hierzu gibt es übrigens auch in meinem Artikel zum Thema CRP-Wert).

Insofern können Blutbild und CRP-Wert durchaus aussagekräftig für die weitere Therapieentscheidung sein.

8) Welche Rolle spielen Antibiotika in der Tierindustrie?

Eine Gigantische! Tiere in Masse zu züchten – also, zumindest so wie sie heutzutage in den Industrienationen gehalten werden, ist ohne den Einsatz von Antibiotika unmöglich. Denn schon ab einer Menge von 1000 Individuen, ist eine effektive „Gesundheits“-/Krankheitsbewertung des Einzeltieres nicht mehr möglich. Die Lösung: tonnenweise verabreichte Antibiotika, welche die Ausbreitung von Erkrankungen – ähnlich einem Pflanzenschutzmittel – eindämmen. Die Folge: immer resistentere Keime, die eine gigantische Bedrohung darstellen.

Ich möchte an dieser Stelle zwar auf keinen wissenschaftlichen, aber gut recherchierten Zeit-Artikel verweisen, der das Thema sensationell aufgearbeitet hat.

https://www.zeit.de/2014/48/massentierhaltung-bakterien

Literatur

(1) Ahmadizar_et_al, Early-life antibiotic exposure increases the risk of developing allergic symptoms later in life: A meta-analysis, Allergy, 2018

(2) Palleja et.al, Recovery of gut microbiota of healthy adults following antibiotic exposure, Nature, 2018

(3) Herold et al.: Innere Medizin. Eigenverlag 2019, ISBN 978-3-981-46602-7

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: